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Paradies

Der 7. Ring

Ich lege meinen Kopf nach links; leise das Rascheln und die Kälte des Kissens an meinem Ohr vernehmend, öffne ich die Augen.

Grüne Lettern zerschneiden glühend die Dunkelheit, drücken auf meine Augen und zeigen mir [2.97].

Nicht mal ganz 3 Stunden meiner Ruhezeit verbleiben, und doch habe ich noch keine Sekunde geschlafen.

Ich wende meinen Blick über die Uhr und sehe aus dem Fenster. Es ist dunkel, es ist kalt, es regnet. So ist es im 8. Ring jedoch immer, in jedem Moment, zu jeder Zeit. Noch nie brach auch nur ein einziger Sonnenstrahl durch dieses Fenster und doch ist es da.

Ich drehe meinen Kopf zurück, und vernehme das leise rauschen aus der Lüftung über mir nun wieder klarer und lauter.

Ein lächeln kehrt in mein Gesicht, empfinde ich wirklich so etwas wie Empathie für diesen Ort?

Erneut lege ich meinen Kopf zur Seite, [2.95]. Es hat wohl keinen Zweck.

Ich schiebe meine Decke zur Seite, was unmittelbar mit noch mehr Kälte bestraft wird. Jegliche warme Luft die sich bis eben staute, verschwand augenblicklich.

Endlich auf der Bettkannte sitzend mustere ich den Boden, ehe ich begriff dass ich meine Hose nach wie vor an hatte.

Mit einem Ruck stoße ich mich vom Bett ab, nehme meine Jacke von der Stuhllehne und ziehe sie an. Auf der blanken Haut meiner Unterarme gleicht das Gefühlt im ersten Moment nassen Tüchern aus einem vereisten See.

So langsam es mir möglich ist drehe ich den Schlüssel im Schloss, um die Türe ohne unnötige Geräusche zu öffnen. Über die schwelle tretend, hallt mein Schuh leise auf einem Boden aus Blech wieder. So langsam wie ich sie öffnete, schließe ich die Türe wieder und schleiche den Gang entlang zum Fahrstuhl.

Ungeachtet dessen wie leise auftrete, hallt jeder Schritt von den Wänden wieder, als befände ich mich in einem alten U-Boot. Ungleich große Blechstücke, grob verschweißt, mehr war für uns nicht übrig. Von den Wänden läuft der Rost bis auf den Boden, der Löcher und scharfe kanten ziert.

Am Ende des Gangs taucht eine altersschwache, flackernde Lampe die Türe zum Fahrstuhl in warmes Licht. Ich drücke die mechanische Taste tief in das Bedientableau um den Fahrstuhl zu rufen. Ein Ring um die Taste leuchtet ungleichmäßig in roter Farbe auf und ein krächzender, verzerrter Gong verrät mir, was sich kurz darauf mit einem dumpfen Donnern ankündigt.

Mit dem reibenden und schleifenden Geräusch der Rollen, zieht der Türmechanismus die zwei Türhälften in die Wand und gibt den Blick auf das Fahrstuhl innere Preis, dessen anderes Ende aus Glas besteht und einen Blick auf die Häuser der Stadt ermöglicht.

Im Erdgeschoss teilt sich die Türe des Fahrstuhls erneut. Es regnet. Es regnet immer.

Die Hände in den Jackentaschen versenkt, ziehe ich meine Arme an meinen Körper und gehe, den Kopf geduckt, auf die Straße hinaus.

Während die ersten Tropfen kalt auf meine Haut treffen, tauche ich in eine lilafarbene Dunkelheit ein.

Begegnung

Das letzte Geräusch das ich vernehme, bevor auch dies im Rauschen des Regens versinkt, ist der Ruck des Fahrstuhls hinter mir, welcher auf das plötzlich fehlende Gewicht reagiert.

Ich hebe den Kopf und blicke über den Nassen Stahlboden; Laternen, Menschen und Trams spiegeln sich; verzerrt; in rötliches Lila getaucht. Die Kälte drückt auf meine Kleidung; wo gehe ich jetzt hin? Wenn ich hier stehen bleibe, bin ich in wenigen Minuten durchnässt und muss, durch die Kälte gezwungen, zurück in die Wohnung.

Auf der Straße, welche parallel zu dem viel zu großen Vorplatz verläuft, schließt eine Tram gerade ihre Türen. In der Tram wäre es nun trocken und warm, oder ich gehe zum Bahnhof am Ende des Vorplatz und fahre mit der Ringbahn durch den Ring.

Während ich überlege bemerke ich wie ein kleines Mädchen, dass aus der letzten Tram Ausstieg, mich beobachtet. Ich blicke ihr in die Auge, sehe aber nichts. Keine Reaktion, keine Emotion; dann dämmert es mir. Um ganz sicher zu gehen, gehe ich noch zwei Schritte auf sie zu; nach wie vor keine Reaktion.

Letzte Woche starb eine Person bei einem Unfall an der Haltestelle. Ich habe es nur am Rande mitbekommen, ein kleines Mädchen soll auf die Gleise gestoßen worden sein. Sie werden wohl zur Warnung und zu ihren Ehren diese Statue aufgestellt haben, Ehrenvoll wirkt sie jedoch nicht; sie wirkt kalt und tot.

Ich mustere sie noch ein paar Sekunden, ehe ich mich losreißen kann um den Weg Richtung Bahnhof anzutreten. Bei jedem Schritt spüre ich, wie das Wasser unter meinen Füßen verdrängt wird. Wahrscheinlich hat sie nicht einmal zu dem Unfall beigetragen; bei jedem Schritt spüre ich, wie ich den Gedanken an diese Ungerechtigkeit verdränge.

In mir kommt Durst auf und mein Blick wendet sich auf ein Automat, welcher mit einer erfrischend bunten Beleuchtung direkt vor dem Bahnhof steht. In meiner Kindheit habe ich mir hier viel zu oft etwas zu Trinken geholt. Als es noch heiß war und ich nach jedem erfrischenden Schluck ächzte.

Ich überfliege die Tasten und entscheide mich für ein Getränk, mit einer aufgedruckten roten Frucht. Mit dem Handrücken am Lesegerät warte ich auf eine Positive Rückmeldung

Getränk wird ausgegeben

Ein Rumpeln im Ausgabeschacht signalisiert mir Erfolg; ich empfinde allerdings nach wie vor, dass diese viel zu niedrig angebracht sind. Insbesondere bei dieser Temperatur merkt man beim hinunter knien sofort, wie die Wärme, die sich unter der Jacke staute, regelrecht heraus gepresst wird.

Die Abdeckung des Fachs ist bei diesem Automaten Typ aus Metall gefertigt, als es noch heiß war habe ich mich daran schier verbrannt, heute schmerzt es vor Kälte.

Ich drehe mich noch ein mal zur Statue um und weiß nicht genau, was in diesem Moment auf mich wirkt, aber ich lasse es wirken.

ignaz/buecher/paradies/deutsch.txt · Last modified: 2019/03/30 22:43 by vamp898