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ignaz:blog:photography:07.06.2018_-_der_mythos_von_falsch_fokussierenden_objektiven

Man liest in reviews von Objektiven sehr oft

“Das Objektiv hat einen üblen Front-Focus” oder “Das Objektiv hat ein Problem mit Back-Focus” oder ähnliches.

Für die, die es nicht wissen. Front-Focus heisst, der Fokus liegt vor dem Subjekt, Back-Focus heisst er liegt dahinter.

Egal was man hat, das Ergebnis ist das selbe: Es ist nicht scharf. Aber was ist Schuld daran? Alle sind sich einnig, natürlich das Objektiv, wer sonst.

Das denken die meisten Leute, aber es ist schlichtweg falsch.

Ihr glaubt mir nicht? Ihr wollt einen Beweis? Stellt eure Kamera um auf Live-View und benutzt den Kontrast Autofokus und… TADA… WOW… wie kann dass den sein?

Wurde das billige Schrott-Objektiv repariert oder ist es Magie? Wieso fokussiert es auf einmal vollkommen akkurat?

Nein, das Objektiv hat nie falsch fokussiert, denn das Objektiv fokussiert nicht. Wie denn auch? Es ist nur ein klumpen Glas, was soll darin bitte feststellen wann und ob scharf ist? Wie denn? Das macht alles die Kamera und die kann es nicht richtig.

Wieso denken dann die meisten Leute trotzdem dass es am Objektiv liegt? Weil sie keine Ahnung haben wie Phasen-Autofokus funktionert, also lasst es mich erklären.

Phasen-AF wurde vor ewigkeiten in der Analogzeit erfunden und das Problem war, dass ein Analogfilm natürlich nicht scharf stellen kann, wie auch.

Also was macht man? Man nutzt die SLR Technik und überarbeitet sie. Der Hauptspiegel wird teildurchlässig, das heisst 70% vom Licht gehen nach oben in den Sucher und 30% vom Licht gehen durch den Spiegel durch, zu einem zweiten Spiegel der dahinter sitzt.

Dieser zweite Spiegel leitet das Licht nach unten in die Kamera, da geht es durch spezielle Schärfungslinsen, zu einem weiteren Spiegel der das Licht nach hinten in die Kamera jagt, durch weitere Schärfungslinsen und zu einem Phasen AF Sensor.

Klingt ziemlich kacke, ist es auch, aber hey, was besseres gab es ende der 70er halt einfach nicht. Der Phasen-AF wurde zwar mehrmal optimiert mit Kruez-Sensoren und Doppel-Kreuzsensoren und was weiss ich nicht… manche nennen es auch Palliativmedizin und mehr ist es nicht.

Jetzt merkt ihr aber langsam, “Was hat das ganze mit dem Objektiv zu tun?” –> Korrekt, garnichts. Die Kamera entscheidet wann scharf ist und niemand sonst.

Die Kamera sagt dem Objektiv, anhand der Messung, wohin es sich drehen soll, aber das Signal “jetzt ist scharf” kommt vom Phasen-AF Sensor und der ist, wie wir gerade gelernt haben, schlecht.

Nun kommt natürlich gleich die Frage hinterher, warum passiert das (fast) nur mit drittobjektiven wie zum Beispiel SIGMA.

Ein Wort: Software.

Der hersteller der Kamera weiss wie falsch die Kamera misst und der Wert variiert auch von Objektiv zu Objektiv. Bei einem 50mm f/1.4 kommen andere falschwerte heraus als bei einem 70-200 f/2.8 u.s.w.

Also wird es in der Software einfach korrigiert, ende der Geschichte.

Der AF-Sensor sagt es ist scharf, das Ergebnis geht an den Prozessor der Kamera und der sagt “Aber halt, ich bin eine Canon EOS 80D und das hier ist ein 24-70mm f/2.8 L Objektiv der ersten Generation, also addiere ich 3 Schritte zu dem gemessenen wert und gebe dass an das Objektiv weiter”.

Und hier kommt die krux mit Drittanbieter Objektiven. SIGMA kann Korrekturwerte in das Objektiv einbauen, aber jeder Kamera-Body misst anders falsch. Manche mehr, manche weniger, aber alle messen falsch, das ist Gesetz. Es ist Physikalisch praktisch unmöglich einen immer korrekt messenden Phasen-AF Sensor zu bauen (vor allem mit so einem komplexen Konstrukt mit mehreren Spiegeln und Schärfungslinsen u.s.w.)

Was kann man also tun? Man kann das Objektiv einschicken und SIGMA kann herausfinden wie falsch der Kamera Body misst und den Korrekturwert in die Firmware des Objektivs einprogrammieren.

Manche Kameras bieten selbst die Möglichkeit den AF zu korrigieren (nicht ohne Grund :D, das passiert auch oft mit Original Objektiven des Herstellers) und neue Objektive von SIGMA haben einen USB-Dock mit dem man die Korrekturwerte selbst in das Objektiv eintragen kann.

Es fällt also leicht einen Hersteller für Fehlfokus im Objektiv verantwortlich zu machen, vor allem ist das auch besser fürs Ego. Wer sagt denn gerne “Hier schau mal, meine 3500€ DSLR die aufgrund einer veralteten Technik schlechter scharfstellt als eine 300€ Digicam aber soooo schnell” aber wie gesagt.

Stellt das Objektiv im Kontrastautofokus perfekt scharf (der Bildsensor kann das einfach so viel besser) kann es nicht am Objektiv liegen.

Unabhängig davon ist der Phasen-AF eh gnadenlos veraltet und hoffentlich bald tot. Die meisten Systemkameras haben gar keinen und nehmen immer den Sensor (incl. SIGMA Kameras) und das ist auch gut so.

ignaz/blog/photography/07.06.2018_-_der_mythos_von_falsch_fokussierenden_objektiven.txt · Last modified: 2018/06/07 19:11 by vamp898